Weiß-schwarzer Hermann

„Vor wem soll ich mich denn fürchten? Bin immer allein unterwegs. Hab ich gar keine Zeit zum fürchten. Jaja, der alte Heinrich war ein bisken komisch. Alt war er, von früher war er. Aber sonst? Fürchten? Nee.“

Wenn man Hermann Fragen fragt, dann schüttelt er meist ungläubig den Kopf.

„Was sich die Leute für Gedanken machen….“

Hermann ist dunkelbraungebrannt. An den Händen und im Gesicht bis zur scharfen Kante auf der Stirn. Hermann ist zweifarbig. Denn Hermann ist Schäfer. Mit eigener Herde zieht er durch die Mittelgebirgstäler. Und ein Schäfer hat im Sommer einen Hut auf dem Kopf. Aus Filz. Grünem Filz. Immer. Schützt gegen Regen und gegen Sonne. An die obere Stirn und die Kopfhaut kommt somit keine Sonne. Die Haut kann also auch nicht braun werden. Dort oben ist Hermann weiß. Schneeweiß. Darunter ist er braun. Also: ab Hutkante bis zum Hals, im Nacken, sowie an den Armen bis zu den Ellbogen (wegen der aufgekrempelten Ärmel) ist Hermann dunkelbraun. Fast schwarz.

Hermann redet nicht viel. Er pfeift in verschiedenen Tonlagen. Auf diese Pfiffe hört sein Hütehund. Warum soll er also reden? Hermann fährt einen dreißig Jahre alten Lada. Mit Anhänger – ebenso alt. Der Lada ist robust. Robust wie Hermann. Schafe brauchen Pflege, Schafe wollen geführt werden, Schafe wollen fressen, Schafe brauchen einen Schäfer. Also ist Hermann mit ihnen unterwegs. Tag ein und Tag aus. Seit dreißig Jahren. Hermann kommt viel herum. Er kennt die Bauern und die, die sich dafür halten. Im Spätherbst hilft Hermann manchmal bei der Weihnachtsbaumernte. Ein paar Mark hinzuverdienen.

Wenn Hermann nicht unterwegs ist mit seinen Schafen, lebt er auf dem Hof seines Bruders, dort oben aufm Berg. Im Nebengebäude. Besuch hatte Hermann noch nie. Abends, wenn die Tiere versorgt sind, wenn sie eingezäunt sind, mit Wasser versorgt sind, mit Hütehund zum Aufpassen, dann fährt Hermann in die Kneipe. Sitzt, hört zu, trinkt Bier, und macht sich Gedanken. Langsam. Man kann ihm zusehen beim Denken. Irgendwann hat er genug gehört.

„Watt et nich alles gibt“, brummelt er dann. Schüttelt den Kopf, trinkt aus, startet den Lada und fährt zu seinen Schafen.“

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