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Und dann erzählt Paul - vom alten Heinrich

Paul, der Nachbar. Wetter-Paul. Jeder kennt ihn. Paul ist immer unterwegs. Im Sommer wird Paul von Else manchmal auch mit einem Eimer losgeschickt. Holunderbeeren pflücken.

„Saft machen. Saft ist gut. Holundersaft ist gut gegen Erkältung, woll!“ 

Und natürlich kocht Else auch Holundergelee. 

„Ist lecker, auf Weißbrot, woll!“

Im Winter jedoch pflückt Paul die Beeren von den Schlehenbüschen. Aber erst, wenn sie gefroren sind. Ist besser, denn dann sind die Beeren nicht so bitter. Else setzt anschließend die Beeren zusammen mit gebranntem Korn und etwas Zucker auf, um Schlehenlikör herzustellen. Den gibt es dann zu besonderen Gelegenheiten. Zum Beispiel an Feiertagen. Oder wenn mal Besuch kommt. Und dann erzählt Paul auch schon mal vom alten Heinrich.

 

„Heinrich. Über neunzig geworden, woll! Heinrich war schrecklich“, sagt Paul. Immer. Jedesmal.

Else nickt dazu. „Ja ganz schrecklich. Armer Mann.“

 

Heinrich war immer allein geblieben. Denn Heinrich, Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig, war im ersten Weltkrieg noch neunzehnsiebzehn eingezogen worden. Kurz danach hatte es ihn schon erwischt. Das halbe Gesicht weggeschossen, der rechte Unterschenkel amputiert. Aber er hatte überlebt. Und war zurückgekommen in sein Dorf. Ins Haus seiner Eltern. Dort lebte er bis weit in seine neunziger Jahre. Viele Jahre davon zusammen mit seiner Schwester. Sie hatten ja das Haus und den Garten. Und ein paar Hektar Wald. Daraus konnte man hin und wieder etwas verkaufen. Und Brennholz lieferte der Wald auch. Brennholz für den Kochherd in der Küche. Und den Kamin im Guten Zimmer. Brennholz musste man aber selber machen. Also macht Heinrich Brennholz.

Die Kinder hatten Angst vor Heinrich. Denn wenn Heinrich dann durch das Dorf humpelte, im Herbst, bei Nebel, Hose aus grünem Stoff, grüne Joppe, grüne Kappe, eine Axt auf der Schulter tragend, mit seinem halben Gesicht und den ihm vorauseilenden „Tock, tock, tock“ des Holzbeins, dann versteckten sich die Kinder. Im Haus, hinter der Gardine. Hinter der Mutter. Die ganz frechen Burschen hinter den Büschen, um ihn zu beobachten. Ansonsten Heinrich ging nie aus. Man sah ihn nie lachen. Man hörte nur sein Holzbein. Heinrich war einsam. Seine Schwester betete. Und Paul hat sich vor ihm gefürchtet.

Wenn Paul vom alten Heinrich erzählt, dann schaudert’s ihn noch immer

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