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Und dann war dann noch Paul

Geschichten aus einem anderen Leben...

 

Und dann war da noch Paul. Wetter-Paul. Etwa einssiebzig, schütteres Haar rund um die Tonsur. Brille mit Glasbausteinen. Immer läuft ihm die Nase. Paul geht spazieren. Jeden Tag. Am liebsten spricht Paul über das Wetter.

„Gutes Wetter heute, nicht? Soll bald regnen. Muss ja mal, woll?"

Paul ist schwerhörig. Seit Geburt schwerhörig, ebenso wie seine beiden Geschwister, mit denen er unter einem Dach lebt. Sonderschulen gab’s zu ihren Schulzeiten noch nicht, Intensivförderung war noch nicht mal als Wort erfunden. Dass alle drei keine Chancen haben würden aus diesem kleinen Dorf herauszukommen, war klar.  Also hatten die Eltern bestimmt: "Ihr bleibt zusammen. Ist besser so."

Paul lebt also seit siebzig Jahren als einer von 60 (mal mehr, mal weniger) Dorfbewohnern im elterlichen Haus in seinem Geburtsort. Zusammen mit Else, seiner Schwester, und Fitti, eigentlich Friedrich, seinem Bruder. Else macht den Haushalt, heizt den Kohleofen in der Küche , jeden Tag, auch im Sommer.

„Muss ja, woll. Muss ja essen machen für die Jungs, woll.“

Else bestellt auch den eigenen Gemüsegarten. Die Rente ist klein, das Haus muss in Ordnung gehalten werden. Und Else repariert die Kleidung der beiden Männer. Socken stricken, dann hin und wieder stopfen, Flicken auf die Hose nähen. Jeden Tag geht Else zum benachbarten Bauern. Um elf Uhr am Vormittag, jeden Tag. Milch holen. Einen Liter Milch in der Blechkanne. Ein paar Hühner haben sie selbst. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Bratkartoffeln und Eingemachtes.

Paul hat als Küchengehilfe gelernt, und als Erwachsener viele Jahre in der Großküche der nahen Kaserne arbeiten dürfen. Paul fegt den Hof und das asphaltierte und zur Straße liegende Teil des Grundstücks. Jeden Tag. Im Herbst wenn die Blätter fallen, auch zweimal am Tag.

Fitti hatte einem Schuhmacher das Handwerk abgeguckt. Berufsschule war nicht. Zu weit. Zu schwer. Aber mit vierzehn durfte er nach der Volksschule dem Schuhmacher zur Hand gehen. In einem kleinen Raum im Souterrain neben dem Eingang und neben dem Abgang zum Keller hatte er sich eine Werkstatt eingerichtet. Mit Leisten und Spannbock, mit Kleber und Leder und Nägeln und Nadel und Faden. Grobe Handwerkskunst. Das reichte für die Nachbarn – Bauern, Waldarbeiter, Knechte, Mägde, Bauarbeiter. Da kommt’s nur drauf an, dass die Schuhe widerstandsfähig sind. Schön aussehen – muss nicht sein, woll! Jetzt ist Fitti schon ein paar Jahre tot.

Paul kann zwar kaum hören und sein Wortschatz ist recht übersichtlich. Doch Paul kann lesen. Und Paul liest viel. Reisebücher. Bücher über entfernte Orte – und sei es nur in Bayern. Orte, die Paul nie besuchen wird. Aber Paul kennt alle Geschichten. Und die Geschichte der Orte, der Burgen und Schlösser. Der Alleen, der Straßen, der Landschaften, der adligen Familien, er kennt die Besonderheiten. Und Paul erzählt dann darüber.

„Muss man sehen, muss man hinfahren, woll. Schönes Wetter dort.“

Und dann verschenkt Paul die Bücher, die er bei seinem monatlichen Ausflug in das nächste Städtchen in der Mängelexemplar-Kiste erworben hat. Oder im Weltbildverlag im Ausverkauf bestellt hat. Das geht. Die weite Welt ist also auch für Paul nichts Neues, nichts Unbekanntes. Aber Unerreichbares.

Und Paul schaut gerne über den Gartenzaun. Reinkommen, Kaffeetrinken will er nicht. Aber schauen, zum Beispiel wenn im Winter eine Schneefrau gebaut wird. Mit Brüsten dran.  Dann kommt Paul dreimal am Tag und kann sich nicht satt sehen. Nicht satt sehen an den großen Brüsten. Und dann lacht er.

„Schönes Wetter heute, woll!“

Paul geht mit dem Jahreslauf. Jahreszeiten, ok. Aber wichtiger noch sind die festen Marken im Jahr: die christlichen Feiertage und die profanen Feiertage: Osterfeuer, Dorffest, Schützenfest, Silvestersingen. 

„Bald wieder Dorffest. Bier trinken. Alle besoffen, woll!.“ 

Wenn Paul spricht, spricht er oft sehr feucht. Wenn Paul sich auf das baldige Bier freut, spricht er noch viel feuchter.

Es ist Sommer, die Sonne brennt vom Himmel. Paul ist wie immer korrekt gekleidet. Hose, Hemd, Jacke, dicke feste Schuhe. Hut. Manchmal: Strohhut. Oder: ein Taschentuch, an allen vier Ecken geknotet und auf der Glatze unter dem Strohhut platziert. Und immer mit Stock, Spazierstock. Selbstgeschnitzt, darauf legt er Wert.

Fernseher – Fehlanzeige. Ein Radio und das wöchentliche Anzeigenblatt sind die Informationsquellen. Manchmal die Zeitung des Nachbarn. Ansonsten: Nachbarn besuchen, quatschen, zuhören. Das reicht. Paul ist zufrieden. Else auch. Auch wenn sie seit Fittis Tod nur noch ganz kleine Portionen kochen darf. Paul isst nicht mehr viel.

 

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