Er steht einfach da. Einsam und verlassen. Seit einer Woche. An der Hecke am Rande des Gehweges. Direkt neben der grünlackierten Sitzbank, die Passanten und Anwohnerinnen zur kurzen Rast an der viel befahrenen Straße einlädt. Eine Kette versperrt ihm den Zugang zu der kleinen, spärlich bewachsenen Wiese zwischen den großen Gebäudeteilen der Wohnanlage. Er ist, sagen wir mal: nackt. Keine Verzierung, kein nix. Keine Aufkleber, keine Adresse, kein Schal, keine Mütze, keine vergessene Jacke. Man läuft an ihm vorbei, er ist fast unsichtbar - der kleine, mehr oder weniger filligran aus leichten Aluminiumstreben gearbeitete: Rollator.
Gemeinhin wird oft gesagt: die Themen für Geschichten liegen auf der Straße. In diesem Fall steht die Geschichte einfach so herum. Ja, dieser Rollator rollt nicht, er steht und wartet. Auf wen oder was er wartet, ist nicht erkennbar. Wie kommt er (oder ist es eine sie - eine Rollatorin?) hierhin und warum wird er nicht weiter benutzt? Fragen über Fragen. Da kann man doch eine Menge Mutmaßungen, Hirngespinste, Verdächtigungen anstellen.
Vielleicht gab es eine Spontanheilung? Da bemüht sich jemand langsam und vorsichtig mithilfe des Rollators über den Gehweg zum Einkauf oder zum Arzt. Und merkt plötzlich: Juchhu! Ich benötige das Teil gar nicht (mehr)! Springt auf, hüpft und jubiliert und lässt seinen vorherigen ständigen Begleiter einfach stehen. Das wäre schön, ist aber eher unwahrscheinlich, oder?
Oder gab es einen Notfall?. Da kann man sich vorstellen, dass alles schnell gehen musste: Der Rettungswagen war gerufen worden, wie so häufig an diesem schwülen Nachmittag. Mehrere kardiologische Notfälle sind anzufahren, die Rettungskräfte sind schnell vor Ort und helfen - aber in der Hektik wird unser Rollator einfach vergessen. Wäre nicht schön, ist aber auch unwahrscheinlich - die Helfer sind meist sehr umsichtig.
Manchmal soll es ja auch vorkommen, dass Menschen im fortgeschrittenen Alter schwer vergesslich sind… Und möglicherweise war es so, dass sich jemand auf der kleinen Bank ausgeruht hat, vielleicht hat sie (oder er) ein Eis aus der nahegelegenen Gelateria geschleckt - und ist dann aufgestanden, nach Hause gegangenen, hat vergessen, dass er (oder sie) eigentlich den Rollator benutzt. Und vor allem: hat auch vergessen, wo er/sie ihn vergessen haben könnte. Das wäre auch nicht schön. Aber unwahrscheinlich?
Oder es war ganz anders. Junge Männer, wahrscheinlich alkoholisiert. Sie hatten sich aufgemacht zur wochenendlichen Tour. Im Treppenhaus steht der Rollator. Ein Wort gibt das andere, eine spaßige Idee folgt auf die nächste. Und schon nehmen sie sie mit, die faltbare Gehhilfe. Machen sich ein Jux daraus, fahren sich gegenseitig über den jetzt am Abend fast menschenleeren Gehweg. Sie haben ihren Spaß. Aber nur ein paar hundert Meter. Dann bleibt lassen sie ihn stehen. Das wäre ganz und gar nicht schön. Aber auch ganz und gar nicht unwahrscheinlich.
Der Rollator jedoch wartet. Immer noch. Auf seine Rückführung.

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