Die Erwartung steht im Raum, flüchtig, luftig, bunt. Schreib doch mal wieder was neues. Kleine Geschichten , möglichst etwas positives. Nicht nur meckern und bekritteln… Klar, wenn ich irgendwann dazu komm… Und dann ist der Tag da, ein Zeitfenster, ein Lustschub, das Papier (oder das Äquivalent am Laptop) ist noch weiß. Raus aus den vertrauten vier Wänden, auf die Straße, in die Stadt. Also los, Augen auf.
Und dann so etwas: Gefühlte vier bis viereinhalb Monate dauert der dreckige Winter in dieser Stadt. Der Hauptstadt. Berlin. Wind-Haupstadt - Wind, der direkt aus Russland über die Taiga hierhin weht. Arschkalt. Kälte-Hauptstadt. Und: Hauptstadt des Splits: Kleine körnige dreckige Stückchen, die stellvertretend für Salz oder Sand auf die Gehwege geworfen werden, die zwar keine Unfälle bei Glatteis verhindern, aber die Stadt noch grauer machen als sie ohnehin schon ist. Jetzt, Mitte März wird der Split endlich zusammengekehrt, zu Haufen an den Straßenecken aufgeschichtet und zusammen mit den eingefegten Hundehäufchen irgendwann in nächster Zeit abtransportiert. Will ich wissen, was damit passiert? Eher nicht.
Aber jetzt Mitte März scheint sich auch der Frühling hervor zu tasten, erste zarte Blüten strecken die Köpfe aus dem märkischen Sand. Und sobald die ersten Sonnenstrahlen nicht nur Verheißung auf bessere Zeiten sind, sondern sogar etwas wärmen, werden die Eiscafes geöffnet und die Eisverkäuferinnen können sich über mangelnden Andrang nicht beschweren. Seien die Bänke an den Gehwegen auch noch so beschmiert, zerstört, beschädigt - überall sitzen Menschen und genießen - Eis und Sonnen-Wärme.
Und da sitzt auch sie wieder. Ich nenn sie mal: Erna Schaluppke. Immer schön bunt ausstaffiert: Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, dazu ein farblich abgesetzter Sonnenschirm mit Rüschen dran, das Täschchen mit wohl temperierten Flüssigkeiten bestückt. Scheint die Sonne, sitzt sie auf einer der Bänke an der viel befahrenen sechsspurigen Straße und prostet den gelegentlich freundlichen Zeitgenossen freundlich zu. Mal mit einem Bierchen, mal mit einem Flachmann. Sie grinst und freut sich. Ist da Wetter zu kalt oder zu nass, nutzt sie die Gelegenheit zum Verweilen in der U-Bahnstation. Schaut den an- und abfahrenden Bahnen hinterher, lächelt den hetzenden Stadtbewohner/innen hinterher und genehmigt sich Schlückchen für Schlückchen für die Seele. Sie ist, ja was ist sie eigentlich? Ich sollte sie mal fragen, wer sie ist und wie sie das Drumherum so wahrnimmt. Macht sie sich lustig über die zunehmende Zahl der Kopftuchtanten, den siebten Dönerladen, das fünfte Schleiercafe - und weiß, dass ihr das bald nix mehr anhaben kann und ihr deshalb egal ist? Oder trinkt sie genau deswegen? Keine Ahnung, jedenfalls hat sie den Winter überlebt. Das ist gut.
An einer anderen Ecke des Kiezes steht auch wieder der Einkaufswagen von Besen-Jupp. Ein Obdachloser, der neben seinen Klamotten und ein paar Getränken in einem ehemaligen Rewe-Einkaufswagen eine Auswahl an Besen und Schaufeln mit sich führt. Tag für Tag (vielleicht auch nachts, das weiß ich jedoch nicht), fegt er Gehwege, Bordsteinrinnen, U-Bahn-Zugänge, entfernt die achtlos weggeworfenen Zigarettenkippen/Getränkeverpackungen/ Pommesbuden-Servierten. Manchmal säubert er auch das zwischen drei Straßen eingezwängte kleine Stück Wiese. Er schiebt die Hinterlassenschaften zusammen, schichtet das Ergebnis seiner Fege-Arbeit feinsäuberlich auf und entsorgt den Mist. Wohin? Keine Ahnung. Aber: drei Tage später sieht’s wieder aus wie vorher. Nur bei Schnee und Eisglätte musste er pausieren, sich irgendwo verkriechen. Jetzt, mit Frühlingsanfang fegt er wieder. Hat den Winter überstanden. Auch gut.

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